Wenn Songs aus dem Raster fallen

Über Lieder, die in kein Muster passen und gerade deshalb bleiben

Jede Zeit hat ihren Klang. Wer Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger mit dem Radio und den großen Hit-Samplern aufgewachsen ist, kennt ihn: freundlich, eingängig, gut gelaunt. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, nach drei Minuten ist Schluss. Es geht ums Verlieben, ums Tanzen, um den Sommer. Das ist kein Vorwurf. Dieses Raster gibt es, weil es funktioniert. Es hat Millionen Menschen glücklich gemacht, und mich auch.

Aber hin und wieder lief da ein Lied, das sich nicht einsortieren ließ. Man hörte es einmal und wusste sofort, dass es anders war. Warum, konnte man nicht sagen. Es war, als würden auf einem Klassenfoto alle brav in die Kamera lächeln, nur einer schaut aus dem Fenster. Die anderen vergisst man, den einen nie.

Um genau zwei dieser Songs geht es hier.

Der Mann in der Küche

1980 veröffentlichte der Engländer Jona Lewie einen Song mit einem Titel, der schon für sich eine Geschichte ist: You’ll Always Find Me in the Kitchen at Parties. Er schaffte es in Großbritannien in die Top 20 und war auch in Deutschland ein Hit.

Auf dem Papier ist das ein Partysong. Tatsächlich erzählt er die Party vom falschen Ende. Es geht nicht um die Tanzfläche, den Mittelpunkt oder den Typen, der alle mitreißt. Es geht um den, der in der Küche steht, weil er sich im Wohnzimmer fehl am Platz fühlt. Und jeder kennt diese Küche. Es gab sie auf jeder Party, und meistens wurden dort die besten Gespräche geführt.

Auch klanglich verweigert sich der Song der großen Geste. Ein Synthesizer, der fast ein bisschen billig wirkt, dazu ein Gesang, der trocken und beinahe teilnahmslos daherkommt. Gerade das ist die Geste. Der Song macht keine Party, er beobachtet sie. Er ist komisch und traurig zugleich, und man weiß nie genau, ob man lachen oder mitfühlen soll. Vermutlich beides.

Das Besondere daran ist die Perspektive. Die Popmusik jener Jahre sang fast immer aus der Mitte heraus. Dieser Song singt vom Rand. Er macht aus dem Außenseiter keinen Helden mit großem Auftritt und Happy End. Er lässt ihn einfach dort stehen, wo er steht, zwischen Kühlschrank und Spüle. Das ist ehrlicher als jede Hymne.

Eine schöne Pointe hat die Geschichte noch: Dreißig Jahre später, 2010, nahm ein schwedisches Möbelhaus den Song für einen Werbespot über Küchen. Jona Lewie spielte darin den Gastgeber, und der Song tauchte noch einmal in den britischen Charts auf. Das Lied vom Rand der Party wurde zur Werbung für genau den Raum, in den sich sein Held geflüchtet hatte. Manche Songs haben eben Humor bis zum Schluss.

Ein Lied, das mich wiedergefunden hat

Bei manchen Songs weiß ich bis heute genau, wo ich war, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Fade to Grey von Visage ist so einer.

Ich war ein Junge und saß abends vor dem Fernseher. Es lief der Musikladen mit Manfred Sexauer. Plötzlich kam etwas, das ich so noch nie gehört hatte: kühle Synthesizer, ein Sänger, der aussah und klang, als käme er aus einer anderen Welt, und dazwischen eine Frauenstimme, die nicht sang, sondern auf Französisch sprach. Dann war die Nummer vorbei, und die Sendung ging weiter. Damals hieß das: Der Song war weg. Es gab keine Mediathek, keine Wiederholung auf Knopfdruck und keine App, die einem den Titel verrät. Was im Fernsehen lief, lief genau einmal. Ich wusste noch VISAGE. Die Band hieß: Visage.

Nach der Sendung saß ich, halb schon im Schlafanzug, am Radio und drehte am Senderrad. Die Fernsehzeit war vorbei, aber ein bisschen Musik wollte ich noch hören. Station für Station ging es durch das Rauschen hindurch. Irgendwann blieb ich auf einem französischen Sender hängen, auf dem ein Moderator munter ins Lied hineinredete, und da war es wieder. Genau dieses Lied. ZUFALL! Ich habe meine Schwester gerufen, völlig aus dem Häuschen: Das ist der Song aus dem Musikladen! Sie verstand nicht ganz, was daran so besonders war, merkte aber, dass es für mich etwas Großes sein musste. Ich durfte es noch zu Ende hören, dann ging es ins Bett. Den Sender habe ich nie wiedergefunden.

Im Nachhinein passt es fast zu gut, dass mir das Lied ausgerechnet auf einem französischen Sender wieder begegnet ist. Den französischen Sprechpart im Song übernahm Brigitte Arens, eine junge Studentin aus Luxemburg. Fade to Grey stand 1981 übrigens wochenlang auf Platz 1 der deutschen Charts. Ganz so selten war der Song also nicht. Für mich war er trotzdem ein Fund, ein Schatz, der mir zugefallen war, bevor er ein Hit wurde.

Heute kann ich ihn jederzeit hören, ein Klick genügt. Aber gerade dieser Abend vor dem Fernseher und danach am Senderrad hat ihn zu meinem Lied gemacht. Raster-Songs liefen einem vielleicht einmal über den Weg. Wenn man Glück hatte, ein zweites Mal.

Was diese Songs verbindet

Auf den ersten Blick haben Kitchen at Parties und Fade to Grey wenig gemeinsam. Der eine ist ironischer, fast schrulliger Synth-Pop, der andere ein dunkles, elegantes Stück New Romantic. Nimmt man weitere Raster-Songs dieser Jahre dazu, wird das Bild noch bunter: Amii Stewarts Knock on Wood, Bowies Ashes to Ashes, Peter Gabriels Games Without Frontiers. Das Genre kann es also nicht sein.

Ich glaube, es sind drei andere Dinge.

Eine eigene Perspektive. Diese Songs schauen auf etwas, das alle kennen, aber aus einem Winkel, den sonst niemand eingenommen hat. Die Party aus der Küche, die Nacht aus der Distanz.

Ein eigener Raum. Man hört diese Songs nicht nur, man betritt sie. Bei Kitchen at Parties rieche ich den Zigarettenrauch und höre die gedämpfte Musik aus dem Nebenzimmer. Bei Fade to Grey stehe ich irgendwo in einem nebligen Club, in dem alle zu cool sind, um zu lächeln. Ein Raster-Song ist keine Tonspur, sondern ein Ort.

Der Mut zum Unwahrscheinlichen. An irgendeiner Stelle hat jemand bewusst gegen das Naheliegende entschieden. Ein gesprochener französischer Text statt eines zweiten Refrains. Ein gelangweilter Tonfall statt Partyenergie. Diese Entscheidungen hätte kein Marketingmeeting getroffen. Sie kamen von jemandem, der genau das wollte.

Vielleicht hilft ein Bild. Das Raster ist wie eine gut geplante Neubausiedlung. Jedes Haus ist ordentlich, hell und praktisch. Ein Raster-Song ist das alte, schiefe Haus mit dem Türmchen an der Ecke. Wer einem anderen den Weg erklärt, sagt nie „beim dritten weißen Haus links“, sondern „bei dem komischen Haus mit dem Turm“.

Und heute?

Ich habe den Eindruck, dass das Raster heute enger ist als damals. Playlists sortieren nach Stimmung, Algorithmen empfehlen, was dem ähnelt, was man schon kennt. Und KI-Musikgeneratoren, mit denen ich selbst arbeite, sind von Natur aus darauf gebaut, das Wahrscheinlichste zu liefern. Das ist kein böser Wille, sondern einfach ihr Prinzip.

Der Raster-Song ist aber per Definition das Unwahrscheinliche. Ein Modell kommt von sich aus kaum auf die Idee, ein Lied über einen Mann zu schreiben, der auf Partys in der Küche herumsteht, und es dann absichtlich teilnahmslos singen zu lassen. Es tut das nur, wenn jemand genau das will und es ihm sagt.

Das ist für mich die eigentliche Erkenntnis: Den Bruch mit dem Raster liefert keine Maschine und kein Algorithmus. Er bleibt eine menschliche Entscheidung. Die Werkzeuge haben sich verändert, vom Senderrad bis zum Sprachmodell, die Frage aber nicht. Sie lautet nicht „Klingt das gut?“, denn das tut heute fast alles. Sie lautet: „Fällt es aus dem Raster?“

Die Songs, die bleiben

Raster-Songs sind selten die größten Hits ihrer Zeit. Aber sie halten sich am längsten. Die freundlichen Sampler-Hits von damals erkenne ich nach zwei Takten wieder und habe sie nach dem dritten schon vergessen. Kitchen at Parties und Fade to Grey begleiten mich seit über vierzig Jahren.

Vielleicht liegt es daran, dass diese Songs einen für ein paar Minuten tatsächlich aus der Welt holen. Nicht in eine bessere, sondern in eine andere. In eine Küche, einen Club, einen Raum, den es vorher nicht gab.

Welcher Song ist bei dir aus dem Raster gefallen?

Quellen: