Major Tom kommt nicht nach Hause
Manche Songs sind ein einziger Raum. Man betritt ihn, schaut sich um und weiß, wo man ist. Ashes to Ashes ist anders. Dieser Song ist ein Haus mit vielen Zimmern, und in jedem läuft gleichzeitig etwas anderes. Bowie spricht und singt fast übereinander, darunter bewegt sich ein schräger, schillernder Synthesizer-Klang, und dazwischen hüpft ein Klavier, als hätte es mit dem Rest nichts zu tun. Wer das zum ersten Mal hört, weiß nicht, wohin er zuerst hören soll. Genau das macht ihn so großartig.
Für mich gehört er zu den Songs, die man nicht einfach mag, sondern immer wieder neu betritt.
Eine Fortsetzung, mit der niemand gerechnet hat
Um Ashes to Ashes zu verstehen, muss man elf Jahre zurückgehen. 1969 veröffentlichte Bowie Space Oddity, die Geschichte des Astronauten Major Tom, der den Kontakt zur Erde verliert und allein durchs All treibt. Das ist ein offenes Ende, fast romantisch: ein Mensch, der sich in der Weite verliert.
1980 kehrt Bowie zu dieser Figur zurück, aber nicht so, wie man es erwarten würde. Es gibt keine triumphale Heimkehr und keine Rettung. Stattdessen meldet sich die Bodenstation mit einer ernüchternden Nachricht: Der Held von damals ist drogenabhängig und schwebt isoliert im Raum. Aus dem tragischen Abenteurer ist ein Wrack geworden.
Man stelle sich vor, ein Schriftsteller schreibt die Fortsetzung seines bekanntesten Romans, nur um seinen eigenen Helden darin zu demontieren. Genau das tut Bowie hier. Und er tut es nicht mit Pathos, sondern beinahe beiläufig. Am Ende steht eine Zeile im Tonfall eines Kinderreims: Die Mutter hat schon immer gewarnt, man solle sich besser nicht mit Major Tom einlassen. Das klingt harmlos und ist doch das Bitterste am ganzen Song.
Viele lesen Ashes to Ashes als Bowies Abrechnung mit seinen eigenen Siebzigerjahren und den Dämonen dieser Zeit. Ob das stimmt, wusste nur er selbst. Spürbar ist aber, dass hier jemand nicht über eine Figur singt, sondern über etwas, das ihm sehr nahe war.
Der Klang: Alles gleichzeitig
Bowie hatte drei Jahre zuvor Heroes veröffentlicht, eine große, aufsteigende Hymne, eine einzige Welle, die einen mitnimmt. Ashes to Ashes ist das Gegenteil. Der Song steigt nicht auf, er schwebt, kippt und dreht sich. Er ist zugleich tanzbar und verstörend, funky und unheimlich.
Die Stimmen liegen in Schichten übereinander. Mal spricht Bowie fast, mal singt er, mal antwortet er sich selbst. Der Synthesizer klingt, als würde er sich biegen, als wäre das Band leicht beschädigt. Der Bass groovt, als wäre das alles ein ganz normaler Popsong. Das Ergebnis klingt wie ein Traum, in dem alles logisch wirkt, solange man drinsteckt, und erst beim Aufwachen merkt man, wie seltsam es war.
Für mich ist genau das der Unterschied zwischen einem guten und einem großen Song. Ein guter Song hat eine Idee. Ashes to Ashes hat fünf, und keine davon dürfte eigentlich mit den anderen zusammenpassen.
Der Clown am schwarzen Meer
Zum Song gehört untrennbar das Video. Bowie drehte es gemeinsam mit dem Regisseur David Mallet, und es kostete damals rund 250.000 Pfund. Damit war es das teuerste Musikvideo, das bis dahin gedreht worden war.
Bowie erscheint darin abwechselnd als Astronaut und als Pierrot, als trauriger weißer Clown. Die Farben sind künstlich verfremdet, das Meer und der Himmel sind schwarz, und das Licht wirkt wie aus einer anderen Welt. Gedreht wurde unter anderem an einem Strand in der Nähe von Hastings.
Und dann ist da diese Prozession. Hinter dem Pierrot schreitet eine kleine Gruppe in wallenden, fast klösterlichen Gewändern über den Strand, langsam und feierlich, während hinter ihnen ein Bulldozer fährt. Diese Menschen waren keine Schauspieler. Bowie hatte sie im Londoner Blitz Club entdeckt, dem Treffpunkt der jungen New-Romantic-Szene.
An der Spitze geht ein Mann, den wir aus dem letzten Beitrag schon kennen: Steve Strange, der Sänger von Visage. Im selben Jahr landete er mit Fade to Grey seinen großen Hit. Noch schöner ist ein Detail am Rande: Die Designerin Judith Frankland entwarf sowohl Stranges Outfit für Fade to Grey als auch zwei der Gewänder, die im Ashes to Ashes-Video zu sehen sind. Zwei meiner Lieblingssongs aus dieser Zeit sind also nicht nur zeitlich verwandt. Sie haben sich buchstäblich die Garderobe geteilt.
Warum er aus dem Raster fällt
Man muss sich das einmal vor Augen führen: ein Song über einen drogenabhängigen Astronauten, mit einem Kinderreim am Ende, übereinandergeschichteten Stimmen und einem Clown am schwarzen Strand. Nach allen Regeln des Pop dürfte so etwas kein Hit werden.
Ashes to Ashes wurde trotzdem Bowies zweite Nummer 1 in Großbritannien und seine am schnellsten verkaufte Single. Auch in Deutschland, Österreich und mehreren anderen Ländern Europas kam er in die Top Ten. In den USA dagegen schaffte er es nicht einmal in die Billboard Hot 100.
Das finde ich bezeichnend. Europa war offenbar bereit für einen Song, der sich nicht erklärt. Er bedient kein Bedürfnis, das man vorher hatte. Er erschafft eins.
Was bleibt
Ashes to Ashes ist jetzt über vierzig Jahre alt und klingt immer noch nicht alt. Vielleicht liegt das daran, dass er nie modern sein wollte. Er wollte nur genau das sein, was er ist: ein Abschied von einer Figur, ein Blick in einen Abgrund und gleichzeitig ein Popsong, zu dem man tanzen kann.
Major Tom ist nie nach Hause gekommen. Aber er hat einen der besten Songs der Achtziger hinterlassen.
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