Wenn die Freunde aus Strom sind
Kennengelernt habe ich Are "Friends" Electric? auf einem dieser K-tel-Sampler, auf denen die Hits der Saison dicht an dicht gepresst waren. Der Song war das letzte Lied auf Seite 2. Ich habe ihn so oft gehört, dass die Platte irgendwann Kratzer hatte.
Also habe ich mir die Single gekauft. Meine Schwester hat sich darüber aufgeregt: Wie kann man Geld für etwas ausgeben, das man doch schon hat? Aus ihrer Sicht hatte sie völlig recht. Aus meiner nicht. Irgendwann war dann auch die Single zerkratzt, so oft lief sie. Ich muss diesen Song bis zum Abwinken gefressen haben.
Warum gerade dieser Song? Ich glaube, die Antwort liegt in den ersten Sekunden.
Ein Raum, in dem die Musik schon lief
Es gibt Songs, die beginnen. Und es gibt Songs, die einfach plötzlich da sind, als hätte jemand eine Tür zu einem Raum geöffnet, in dem die Musik schon die ganze Zeit lief. Are "Friends" Electric? gehört zur zweiten Sorte. Ein schwerer, schleppender Beat, ein Bass, der stur zwischen zwei Tönen pendelt, und darüber ein Synthesizer, der nicht singt, sondern dröhnt. Keine Einleitung, keine Begrüßung. Man ist sofort mittendrin, in einer Welt, die kalt ist, grau und seltsam einsam.
Und dann diese Stimme. Gary Numan singt nicht wie ein Popstar. Er klingt wie jemand, der etwas beschreibt, das er selbst nicht ganz versteht, distanziert und gleichzeitig verletzlich. 1979 war das ein Klang aus der Zukunft. Und das Verrückte ist: Er ist es bis heute ein bisschen geblieben.
Ein Punk findet einen Synthesizer
Die Geschichte dahinter ist fast zu schön, um wahr zu sein. Tubeway Army waren ursprünglich eine Punkband, Gitarren, Tempo, Wut. Bei Aufnahmen stieß Gary Numan im Studio auf einen Minimoog, ein Instrument, das er nie zuvor gesehen hatte und von dem er nach eigener Aussage nichts verstand. Er probierte ihn aus und war sofort gepackt. Schnell war ihm klar, dass seine Songs mit diesem Ding lauter und stärker klingen würden als mit jeder Gitarre.
Also baute er sie um. Aus Punk wurde etwas, für das es damals noch kaum einen Namen gab.
Are "Friends" Electric? selbst entstand Anfang 1979 und ist eigentlich gar nicht ein Song, sondern zwei. Numan setzte zwei unterschiedliche Stücke zusammen, und genau das hört man: Die Strophen und die gesprochenen Passagen fühlen sich an wie zwei Räume desselben Hauses, die durch eine schmale Tür verbunden sind. Den markanten Synthesizer-Part spielte er auf einem Polymoog, und zwar, wie er selbst erzählte, mit einem einzigen Finger.
Ein Finger. Mehr brauchte es nicht, um einen Klang zu erfinden, der eine ganze Generation von Musikern geprägt hat.
Die Freunde an der Tür
Der Titel ist das erste Rätsel. Warum stehen die "Freunde" in Anführungszeichen?
Numan las damals viel Science-Fiction, vor allem Philip K. Dick und J. G. Ballard. Das Album Replicas, auf dem der Song erschien, ist lose von Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? inspiriert, der Vorlage zu Blade Runner. In Numans Welt sind die "Freunde" Maschinen, Androiden, die an die Tür kommen und Gesellschaft leisten. Genauer gesagt eine ganz bestimmte Art von Gesellschaft: Der "Freund" im Song ist eine Maschine, die für Geld Nähe anbietet.
Numan selbst hat später sinngemäß gesagt, er habe einen Nummer-eins-Hit über eine Roboter-Prostituierte gehabt, und niemand habe es gemerkt. Und tatsächlich: Wer das Lied damals im Radio hörte, dachte an Science-Fiction, an Kälte, an Zukunft. Kaum jemand ahnte, dass es eigentlich ein Lied über Einsamkeit ist. Über einen Menschen, dem die Maschine näher ist als jeder andere, und der am Ende merkt, dass ihm das nicht reicht.
Genau darin liegt für mich die eigentliche Kraft des Songs. Unter der kühlen Oberfläche aus Synthesizern liegt etwas sehr Menschliches. Es ist wie ein Haus mit verspiegelten Fenstern: Von außen sieht man nur glatte Flächen, aber drinnen brennt Licht, und jemand sitzt allein am Tisch.
Fünf Minuten auf Platz 1
Nach allen Regeln der Popmusik hätte dieser Song kein Hit werden dürfen. Er ist über fünf Minuten lang, er hat keinen klassischen Refrain, er ist düster, schwer und sperrig. Und er stammt von einer Band, die vorher keine einzige Single in den Charts hatte.
Trotzdem stand Are "Friends" Electric? im Sommer 1979 vier Wochen lang auf Platz 1 in Großbritannien, bis ihn die Boomtown Rats mit I Don't Like Mondays ablösten. Es war die erste und gleichzeitig die letzte Chartsingle von Tubeway Army. Kurz danach ließ Numan den Bandnamen fallen und erschien unter eigenem Namen. Wenige Monate später folgte Cars, sein noch größerer Erfolg.
Ich glaube, 1979 waren viele Menschen bereit für diesen Klang, ohne es zu wissen. Es lag etwas in der Luft. Die Siebziger gingen zu Ende, Punk hatte die Türen eingetreten, und durch diese offenen Türen kam jetzt etwas ganz anderes herein: kühl, elektronisch, nachdenklich. Are "Friends" Electric? war einer der ersten Songs, die hindurchgingen.
Der lange Schatten
Wie tief dieser Song wirkt, merkt man daran, wie oft er wieder auftaucht. 2002 landeten die Sugababes mit Freak Like Me einen Nummer-eins-Hit, der auf genau diesem Riff aufbaut. Musiker aus Industrial, Synth-Pop und elektronischer Musik haben Numan immer wieder als Einfluss genannt. Der Song ist längst kein Relikt mehr, sondern ein Fundament.
Und doch klingt das Original anders als alles, was danach kam. Vielleicht, weil es nicht aus Berechnung entstanden ist, sondern aus Neugier. Ein junger Mann, eine Maschine, die er nicht verstand, ein Finger auf einer Taste. Mehr war es nicht. Und gerade deshalb war es so viel.
Was bleibt
Wenn ich Are "Friends" Electric? heute höre, stehe ich wieder in dieser grauen, verregneten Zukunft, die Numan sich 1979 ausgedacht hat. Ein Zimmer, ein Fenster, draußen Lichter, und an der Tür ein "Freund", der keiner ist.
Das Merkwürdige ist, dass diese Zukunft inzwischen gar nicht mehr so weit weg ist. Wir reden mit Maschinen, wir lassen uns von ihnen helfen, manchmal auch trösten. Ich mache selbst Musik mit ihnen. Die Frage, die Numan damals stellte, ist deshalb aktueller denn je. Nicht, ob Maschinen Freunde sein können, sondern was es mit uns macht, wenn wir sie so nennen.
Ein Song über einen Roboter, der eigentlich ein Song über Einsamkeit ist. Der Sampler von damals hat Kratzer, die Single auch. Der Song nicht.
Quellen: